Rede zum Antikriegstag am 01. September
12. September 2026
An dieser Stelle dokumentieren wir eine Rede, die unsere Kameradin Alice Czyborra anlässlich des Antikriegstags am 01. September 2026 im Rahmen eines antifaschistischen Stadtrundgangs in Essen gehalten hat.

Die Orte der Erinnerung, die wir gerade auf unseren antifaschistischen Stadtrundgang besuchten, geben uns mit diesem nur sehr kleinen Ausschnitt eine Vorstellung von dem, was an faschistischem Terror allein in unserer Stadt in der Zeit zwischen 1933 und 1945 geschehen ist. Mit unseren Stadtrundgängen erinnern wir an die Menschen, die in den Zuchthäusern, Vernichtungslagern und durch Zwangsarbeit – durch Vernichtung durch Arbeit – ermordet wurden, aber auch an die Täter, die das größte Menschheitsverbrechen in der jüngsten Geschichte zu verantworten hatten.
Am 1. September 1939 wurden der Vater von Karin Schnittker, Albert Stasch, und der Vater von Margret Rest, Willy Rattai, verhaftet. Die beiden Namen nenne ich stellvertretend für die vielen Verhaftungen an diesem Tag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen, der Beginn des Zweiten Weltkrieges. Sie gehörten dem Widerstand an, der bereits vor 1933 warnte: „Wer Hitler wählt, wählt Krieg.“ Sie gehörten zu den ersten, die unmittelbar nach der Machtübergabe an Hitler 1933 in Gefängnissen und Konzentrationslagern verschleppt wurden. Aus dem KZ entlassen, wurden sie am 1. September 1939 erneut verhaftet und Ende des Krieges noch an die Front gezwungen.
Bertolt Brecht schrieb: „Die protestiert haben, sind erschlagen worden, aber die sich nicht gewehrt haben, wurden auch erschlagen.“ Der Krieg, den das faschistische Regime über ganz Europa und der Welt entfachte, unglaubliche Verbrechen, Tod und Leid über die Menschheit gebracht hat, kam mit seiner ganzen Brutalität zurück, auch mit aller Macht nach Essen, „die Waffenschmiede des Reiches“. Wir, die Älteren, haben noch die Trümmerlandschaft der deutschen Städte vor Augen, erinnern uns an die Hungerkatastrophe, an Armut, den Verlust geliebter Menschen unter den Trümmern und an der Front.
Heute werden wir mit einer Kriegsrhetorik konfrontiert, wie wir sie seit 1945 in diesem Maße noch nicht erlebt haben. Von Politik, Militär, Rüstungskonzerne und ihren Sprachrohren, den Medien, werden wir unaufhörlich auf einen Krieg eingestimmt. Merz will die Bundeswehr zur „konventionell stärksten Armee Europas“ machen. Eine Militarisierung in allen Bereichen des zivilgesellschaftlichen Lebens findet statt. Die junge Generation soll wieder wehrpflichtig werden.
„Russland wird immer unser Feind bleiben,“ erklärte Wadephul. Als ob nicht Deutschland es war, das in zwei Weltkriegen des letzten Jahrhunderts Russland überfallen, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion geführt hat, die Blockade von Leningrad errichtet hat, an der über eine Million Menschen verhungert und erfroren sind; die da verbrannte Erde hinterlassen hat, wo die deutsche Wehrmacht auf sowjetischem Boden über 27 Millionen sowjetische Opfer forderte. Die Rolle der Bundesrepublik, ihrer Regierung, wäre heute, die Schlussfolgerungen aus unserer Geschichte zu ziehen, alles zu tun, um das Töten und Sterben von Ukrainern und Russen zu beenden, alle diplomatischen Verhandlungswege zu suchen, um diesen Krieg endlich zu beenden. Stattdessen liefert die Bundesregierung immer mehr und immer weitreichendere Waffen. Dies führt, wie wir es in der tagtäglichen Berichterstattung erfahren, nur zur weiteren Eskalation, zu noch mehr Zerstörung, zu noch mehr Toten, noch mehr Kriegsversehrte auf beiden Seiten. Dieser Krieg wird durch Waffenlieferungen nur verlängert und droht nach Deutschland zu kommen. Dies zu stoppen, das wäre die Rolle Deutschlands.
Deutschland zählt zu dem viertgrößten Waffenexporteuren, liefert auch in Krisengebiete, trägt zur Eskalation von Kriegen in der Welt bei und ist mit verantwortlich von Flucht von Millionen Menschen aus Kriegsgebieten, während die Bundesregierung eine Politik der totalen Abschottung ihrer Grenzen für Asylsuchende betreibt.
Deutschland liefert auch Waffen in das Kriegsgebiet Israel und macht sich mitschuldig am Massenmord an der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen und an Vertreibung und Mord in der Westbank. Ja, wir haben eine besondere Verantwortung für den Schutz jüdischen Lebens und für die Existenz Israels. Mit Waffenlieferung in dieses Land, mit der Unterstützung der rechten israelischen Regierung durch die Bundesregierung machen wir nichts wieder gut an dem Genozid der jüdischen Menschen Europas durch das faschistische Hitlerregime.
Profiteure der Rüstungspolitik und der Waffenexporte sind die Rüstungskonzerne. Sie verdienen sich eine goldene Nase. Dagegen sehen wir uns einem frontalen Angriff auf unsere über viele Jahre erkämpften sozialen Errungenschaften konfrontiert. Denn wir sind es, die die Militarisierung unseres Landes bezahlen, das 100-Milliarden-Sondervermögen und die unbegrenzten Ausgaben für den Rüstungsetat. Bezahlen sollen wir mit den bereits durchgesetzten und angekündigten Reformen, mit Kürzungen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, ein Armutsprogramm, das gerade auf den Weg gebracht wird. Kanonen statt Butter – das sind die Erfahrungen der beiden Weltkriege.
Faschismus und Krieg hätten verhindert werden können, wenn sich die Hitlergegner, SPD, KPD, die Christen und die starken Gewerkschaften zusammengefunden hätten, schrieb mein Vater Peter Gingold in seinen Erinnerungen. Diese Erfahrung der Generation, die Faschismus und Krieg bitter erleiden musste, gehört für uns zu den wichtigsten Lehren dieser Zeit. „Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind.“ Das sind vorausschauenden Worte von Bertolt Brecht vor über 70 Jahren. Lernen wir aus den Erfahrungen des Widerstandes und überwinden wir das, was uns trennt. Protestieren wir gemeinsam gegen Wehrpflicht, gegen Militarisierung, gegen Sozialabbau, gegen Rechts und für ein Verbot der AfD. Mit großer Sorge schauen wir auf den Ausgang der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. Gehen wir in den nächsten Wochen auf die Straße, leisten wir mit den Gewerkschaften Widerstand gegen Sozialabbau und kämpfen wir gemeinsam für Frieden und Antifaschismus.
Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg!

